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Ein komplexes System, das funktioniert

Die Thüringer Apotheken sind einer der wichtigen Dreh- und Angelpunkte in der Corona-Krise. Sie stellen unter anderem Testzentren bereit, bieten Infektionsschutzzubehör und Beratungen an. Seit April wird von hier aus auch die Versorgung der niedergelassenen Ärzte mit den Corona-Impfstoffen abgewickelt.

„Die Corona-Pandemie ist eine Herausforderung, die wir nur mit vereinten Kräften und mit allen notwendigen Disziplinen meistern können“, sagt Stefan Fink, während er im weißen T-Shirt mit der Aufschrift „Classic-Apotheke“ hinter dem Computer des kleinen Büros in Weimar-Schöndorf sitzt. Gerade noch hat Fink sich die aktuellen Mitteilungen zum Corona-Impfstoff angesehen, die angekündigten Liefermengen studiert und überlegt, wie viele Dosen „seine Hausärzte“ mit der nächsten Bereitstellung bekommen.

„Seine Hausärzte“, das sind jene, die er und sein Team hauptsächlich beliefern. Denn Stefan Fink ist Vorsitzender des Thüringer Apothekerverbandes, jenem Zusammenschluss, der die rund 525 selbstständigen Apotheken im Freistaat vertritt und ihre Anliegen und Sorgen, Wünsche und Bereitschaften unter anderem an die Landes- und Kommunalpolitik kommuniziert. Mit etwa einer Apotheke auf 4000 Einwohnenden sei Thüringen gut versorgt, sagt Stefan Fink und berichtet, dass der Durchschnitt in den Ländern der Europäischen Union bei etwa 3800 Menschen pro Apotheke läge. „Wir haben in unserem Bundesland eine flächendeckende Verteilung, auch im ländlichen Bereich. Das ist nicht selbstverständlich“, erklärt Stefan Fink und betont, dass die Rolle der Apotheken besonders während der Corona-Pandemie eine Tragende ist. Denn nicht nur FFP2-Masken wurden aus den Apotheken heraus an Bezugsberechtigte verteilt, auch rund 30 Corona-Schnelltestzentren sind aktuell in Apotheken beheimatet oder werden zumindest durch pharmazeutisches Personal betrieben. Dennoch gäbe es aktuell davon noch zu wenige, meint Fink.

 
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Mit dem Beginn der Corona-Impfungen durch niedergelassene Ärzte übernahmen die Apotheken eine dritte, ganz besonders wichtige, Aufgabe. „Von uns erhalten die Mediziner ihre Impfstoffe. Wir Apotheker versorgen sie, damit sie impfen können“, erklärt er. Doch das Bestellverfahren hinter dem, was nach einem gewöhnlichen marktwirtschaftlichen Vorgang klingt, sei sehr komplex: „Wir leben hinsichtlich des Impfstoffs gerade noch in einer Mangelwirtschaft, mit allen Vor- und Nachteilen. Es ist einfach noch zu wenig Impfstoff da, sodass wir genau schauen müssen, wer wie viel davon bekommen kann.“ Auch die gleichmäßige Verteilung der Vektor- und mRNA-Impfstoffe sei nicht immer leicht, denn nicht jedes Vakzin sei gleich beliebt. Ein Fakt, den Stefan Fink nur bedingt nachvollziehen kann, wie er sagt: „Natürlich müssen Erkenntnisse zu damit in Verbindung stehenden gesundheitlichen Problemen berücksichtigt werden, dennoch sind alle Impfstoffe gut.“ Er selbst werde sich mit jedem Corona-Impfstoff immunisieren lassen, der angeboten wird. Auch mit Astrazeneca. „Schließlich wurde fast ganz England damit geimpft.“

Aber zurück zur Verteilung der Vakzine selbst. Das System dahinter funktioniert – in Thüringen – wie folgt: Eine Schlüssel-Verteilung regelt, wie viel Impfstoff dem Land aus der Bundesbeschaffung zusteht. Dieser wird dann über die beiden in Gotha beziehungswese Neudietendorf angesiedelten Apotheken-Großhändler durch ein spezielles Bestellverfahren an die Apotheken gegeben. Diese stehen schon vorher mit den bei ihnen bestellenden Ärzten in Verbindung und tauschen sich mit ihnen aus, wie viele Dosen welches Stoffs bereitgestellt werden können. „Das ist ein ziemliches Hin und Her und ein riesiger Kommunikationsaufwand“, sagt Stefan Fink, fügt aber hinzu, dass der Prozess selbst dennoch inzwischen „gut aufgestellt und durchdacht“ sei: „Unser System der Bestellung hat sich bewährt. Das Gießkannenprinzip, mit dem alle Ärzte im Freistaat gleichberechtigt versorgt werden, funktioniert.“ Dabei sei das Zeitmanagement allerdings der wichtigste Faktor. „Bis zum Dienstagmittag bestellen die Ärzte in den Apotheken ihren Impfbedarf, am Donnerstag kommt die Rückmeldung vom Großhandel, wie viel verfügbar ist, am Montag darauf wird an die Apotheken ausgeliefert. Montagabend und Dienstagmorgen versorgen wir dann die Praxen“, sagt Stefan Fink und erklärt, dass ab dem Zeitpunkt des Ankommens des Impfstoffs geimpft werden könne. Die zuvor ultra-tiefgekühlten mRNA-Impfstoffe müssten jedoch binnen 120 Stunden verimpft werden, für die Vektorimpfstoffe habe man einige Wochen Zeit, bevor diese aufgebraucht sein müssen.

Bei den Ärzten, die er beliefert, sie die Nachfrage dennoch bedeutend größer als das Angebot, berichtet Fink: „Man nimmt mir die Vakzine mit Handkuss ab! Alle wollen ihre Patienten sichern, sie vor dem gefährlichen Virus schützen.“ Nun hoffe er, dass im Laufe des Monats Mai die vor allem durch den Hersteller Biontech-Pfizer angekündigte Liefermengenerhöhung greift und die Mangelwirtschaft dann ein gutes Stück zurückgefahren werden kann. Das würde auch die Impflogistik entspannen: „Bisher ist es so, dass es am leichtesten ist, die Spitze in den Arm zu bringen. Das Drumherum ist hingegen sehr aufwendig“, berichtet Fink und erzählt, dass er und seine Berufskollegen die Herausforderungen und den Aufwand gern auf sich nehmen.

Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KVT) und dem Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (TMASGFF) beraten die Apotheker schon seit einiger Zeit, wie der Kampf gegen die Corona-Pandemie noch gezielter gestaltet werden kann. „Wir können viel leisten und wollen noch mehr unterstützen“, erklärt der Chef des Apothekerverbandes.


Text und Fotos: Paul-Philipp Braun