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Wir kennen keine Spätfolgen der Impfung

Prof. Dr. Mathias Pletz ist Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena und Mitglied im Wissenschaftlichen Corona-Beirat der Thüringer Landesregierung. Im Gespräch erklärt er, welche Impfstoff-Typen es gibt und wie diese funktionieren. Außerdem spricht er über Spätfolgen und rät: Lieber impfen, als erkranken!

Seit etwa einem Jahr beschäftigt uns das Corona-Virus täglich. Wie ist es Ihnen in dieser Zeit ergangen?

Ich glaube, das war das anstrengendste Jahr meines Lebens! Die Herausforderung dabei war aber vor allem die Stimmung, die in dieser Zeit immer wieder entstand. Zu Anfang der Pandemie war sie von Panik geprägt. Inzwischen sind es aber eher Ermüdung und Ignoranz, die das Meinungsbild zu bestimmen scheinen.

Während ich in der ersten Welle versucht habe, die Gemüter eher zu beruhigen, musste ich in der zweiten Welle das Bewusstsein für den Ernst der Lage aufrechterhalten und die Aufmerksamkeit der Menschen schärfen, wo es überall zu Übertragungen kommen kann.

Also eine Art Wende um 180 Grad?

Mehr oder weniger. Zu Anfang hat man den Eindruck, die Gefahr wird überschätzt. Dann lernt man damit zu leben und dann wird die Gefahr wieder unterschätzt.

Sie sind Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, der die Landesregierung in der Pandemie berät. Das liegt daran, dass Sie Facharzt für Innere Medizin/Pneumologie und Infektiologe sind und sich in Ihrer Arbeit viel mit Atemwegsinfektionen und Krankenhaushygiene beschäftigen. Aktuell beraten Sie schwerpunktmäßig, so hat man das Gefühl, rund ums Impfen…

Das stimmt und das ist für mich auch gar kein neues Thema. 2003 bis 2005 war ich an den amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) als Postdoc. Die Einrichtung kann man mit unserem Robert Koch-Institut (RKI) vergleichen.

Damals beschäftigte ich mich schwerpunktmäßig mit dem Einfluss der Pneumokokken-Kinder-Impfung auf die Hemmung der Ausbreitung antibiotikaresistenter Pneumokokken. Dabei konnte man gut sehen, wie eine Herdenprotektion funktioniert. Seitdem befasse ich mich schwerpunktmäßig mit Impfungen, vor allem gegen verschiedene Atemwegserkrankungen, wie Influenza und Pneumokokken.

Und das Thema Corona-Impfung, ab wann spielte das bei Ihnen eine Rolle?

Das wurde zu Beginn des zweiten Halbjahrs 2020 immer relevanter. Damals kamen die ersten Anfragen zu klinischen Studien und Beratungen mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts.

Inzwischen sind in Deutschland drei Impfstoffe zugelassen. Könnten Sie bitte kurz umreißen, was diese voneinander unterscheidet?

Zunächst sind das erst einmal zwei mRNA-basierte Impfstoffe von Moderna und BioNtech/Pfizer. Die beiden unterscheiden sich lediglich in Kleinigkeiten. Was sie eint, das ist eine überraschend – und das ist hier hervorzuheben – hohe Effektivität. Die WHO hatte sich im Vorfeld positioniert und gesagt, dass jeder Impfstoff mit einer Schutzwahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent die Zulassung verdient.

Die beiden mRNA-Imfpstoffe erreichen nun 95 Prozent. Damit hatte kein Experte gerechnet. Als Vergleich: Die Grippeimpfstoffe haben eine Effektivität von 40 bis 70 Prozent.

Den mRNA-Impfstoffen steht mit AstraZeneca ein sogenannter Vektorimpfstoff gegenüber. Dessen Effektivität scheint zwar etwas niedriger zu sein, sie liegt aber immer noch weit über 70 Prozent bei den leichten Infektionen, schwere Infektionen verhindert auch der Vektorimpfstoff sicher.

Während bei den mRNA-Impfstoffen die genetische Information des Spike-Proteins in eine Messenger-RNA umgeschrieben und in Nanopartikel verpackt wird, nutzen die Vektorimpfstoffe dafür Adenoviren. Das sind Erkältungsviren, die allerdings so verändert wurden, dass sie sich nicht mehr vermehren können. Die Nanopartikel bzw. die Adenoviren transportieren die genetische Information des Spike-Proteins in Körperzellen an der Einstichstelle. Die Zellen stellen für einige Stunden das Spike-Protein her und zeigen es dem Immunsystem – ähnlich wie bei einer natürlichen Infektion. Der einzige Unterschied: Da nur ein Teil der genetischen Information von SARS-CoV-2 verimpft wurde, können keine kompletten Viren entstehen. Das Spike-Protein allein ist nicht in der Lage andere Zellen zu infizieren. Wir reagieren darauf mit einer Immunreaktion gegen das Spike-Protein und bilden Antikörper und spezifische Abwehrzellen.

Und die Impfreaktionen?

Die können sich je nach Alter und Immunsystem des Geimpften und auch – das wissen wir inzwischen – nach Impfstoff voneinander unterscheiden. Eine Impfreaktion hat aber nichts mit Nebenwirkungen zu tun. Es ist viel mehr die Antwort des eigenen Immunsystems auf einen Impfstoff. Und diese Reaktion kann vollkommen unterschiedlich ausfallen, denn jedes Immunsystem ist individuell.

Das heißt: Umso drastischer die Impfreaktion, desto effektiver auch der Schutz?

Sehr stark vereinfachend kann man das so sagen. Aber eben auch nicht ganz. Es gibt Menschen, die haben keinerlei Impfreaktionen und haben dennoch exzellente Antikörpertiter. Eine Impfreaktion ist aber grundsätzlich ein Zeichen, dass sich ein Immunsystem mit dem Impfstoff auseinandersetzt.

Fakt ist aber, dass eine Impfreaktion nicht länger als etwa 24 Stunden anhält. Was vermutlich daran liegt, dass die dafür verantwortliche RNA und das gebildete Spike-Protein dann im Körper wieder abgebaut ist. 

Wenn ich nun beispielsweise aber schon das Corona-Virus in mir trage und dennoch eine Impfung bekomme, werden die Beschwerden dann schlimmer? Oder was heißt das insgesamt für die Erkrankung?

Laut der Ständigen Impfkommission gibt es keinerlei Bedenken, in eine bestehende Infektion hinzueinzuimpfen. Im besten Fall ist man sogar recht früh dran und die Infektion kann milder verlaufen. Dafür gibt es inzwischen auch eigene Erfahrungen aus Thüringen. Auch ein Kollege aus Bremen berichtete mir, dass er durch Zufall in einen Ausbruch in einem Altenheim hineingeimpft hat. Er wusste nicht, dass es dort schon mehrere Bewohner gab, die sich infiziert hatten, aber noch in der Inkubationsphase befanden, also noch keine Symptome hatten. Der Impfstoff dort reichte allerdings nur für die Bewohner, nicht für das Personal. Als die geimpften Bewohner eine Woche später einen positiven PCR-Test hatten, zeigte sich überraschend: Die geimpften Seniorinnen und Senioren hatten - trotz Alter und Begleiterkrankungen- einen sehr milden Verlauf; das nicht geimpfte jüngere Personal war hingegen zum Teil sehr schwer erkrankt.

Lassen Sie uns aber an dieser Stelle noch einmal über die Impfmythen sprechen. Immer wieder wird behauptet, dass die Impfung eine Unfruchtbarkeit auslösen kann. Was können Sie zu dieser These sagen?

Es gibt aktuell keinerlei Hinweise darauf – obwohl Millionen Menschen die Impfung erhalten haben und diese weltweite Impfkampagne in vielen Ländern durch die Zulassungsbehörden ganz genau überwacht werden. Noch nie hatten wir so gute Sicherheitsdaten zu einem neuen Impfstoff.

Trotzdem scheint das Argument nicht aus der Luft gegriffen…

Es gibt ein körpereigenes Eiweiß in der Plazenta, dieses ähnelt dem Spike-Protein des Corona-Virus. Eine These, die in die Welt gebracht wurde lautet: Die Impfung produziert eine Antikörper-Antwort und zerstört damit im Zuge einer Auto-Immunisierung die Plazenta.

Da muss man ganz klar sagen: Der Ansatz klingt zunächst plausibel, die Schlussfolgerung ist aber schlichtweg falsch – das hätte man ja nicht nur nach einer Impfung, sondern auch nach der natürlichen Infektion beobachten müssen. Es gibt aber keinen einzigen Bericht, dass es nach einer Infektion oder Impfung zu Unfruchtbarkeit gekommen oder die Plazenta angegriffen worden wäre.

Das Thema Autoimmunität spielt bei verschiedenen Impfmythen immer wieder eine Rolle. Wie kommt das?

Das liegt daran, dass eine Überlebens- und Vermehrungsstrategie des Sars-Cov2-Virus darin besteht, sich manchen körpereigenen Eiweiß-Strukturen anzupassen.

In diesem Zusammenhang muss aber auch gesagt sein, dass wir bei einer Impfung nur einen kleinen Teil des Virus verimpfen, mit dem sich das Immunsystem auseinandersetzen muss. Bei einer natürlichen Infektion gelangt das komplette Virus und damit viele weitere Eiweiße in den Körper. Wenn man Sorge vor Autoimmunität durch das Virus hat, dann in erster Linie nach einer natürlichen Infektion.

Also dürfte sich die Frage nach einer Impfung eigentlich gar nicht mehr groß stellen…

Viele Menschen wägen ab: Impfung ja oder nein. Aber ich glaube, die Frage muss anders lauten. Sie muss heißen: Möchte ich eine natürliche Infektion – der man in den nächsten Monaten oder Jahren kaum ausweichen kann – oder die Impfung?

Können Sie das etwas genauer erklären?

Für mich ist die Impfung aus verschiedenen Gründen das kleinere Übel.

Erstens, es gibt keine schweren Verläufe – die Wahrscheinlichkeit eines Allergieschocks liegt bei etwa ein bis drei Fällen auf eine Millionen Impfungen. Außerdem kann man einen Allergieschock gut behandeln. Schwere Verläufe bei Covid-19 sehen wir viel häufiger – auch bei jüngeren Patienten.

Zweitens, wir wissen, dass auch eine milde Covid-19-Infektion bei bis zu jedem Zehnten mit Spätschäden – etwa eingeschränkter Belastbarkeit und Konzentrationsschwäche – einhergehen kann. Bei der Impfung kennen wir bislang keine Spätschäden.

Und drittens gibt es Hinweise, dass der Schutz nach einer Impfung besser ist, als nach einer milden Infektion. Hier haben unsere eigenen Daten aus der Neustadt-Studie gezeigt, dass bereits wenige Wochen nach einer milden Infektion die Antikörperspiegel wieder absinken.

Ein Argument lautet dennoch oft: Ich warte noch ein paar Jahre, bis die nächste oder übernächste Generation des Impfstoffs auf dem Markt ist…

Das ist aus meiner Sicht zu kurz gedacht. Die Wahrscheinlichkeit, sich in dieser Zeit eine natürliche Infektion einzufangen, die ist sehr groß.  

Außerdem gibt es von den bisher in Deutschland zugelassenen Impfstoffen – egal wovor sie schützen – keine bekannten Spätfolgen.


Interview: Paul-Philipp Braun
Foto: Prof. Mathias Pletz

 

 
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Glossar

Adenoviren: Sind Viren, die in der Regel Atemwegskrankheiten auslösen können. In abgeschwächter Form dient ihre DNA als Ausgangsstoff für Impfstoffe gegen solche Infektionen.

Antikörpertiter: Geben die Zahl von speziellen Antikörpern im Blut an.

mRNA: Ist eine Ribonukleinsäure, auf der Erbinformationen zum Aufbau eines Eiweißes transportiert werden.

Pneumologie: Bezeichnet den Schwerpunkt Innerer Medizin, der sich mit der Lunge beschäftigt.

Spike-Protein: Ein Spike-Protein ist eine aus einem Virus herausragende Eiweiß-Struktur, mit der sich das Virus an die Wirtszelle andockt.

Ständige-Impfkommission: Ist ein Gremium aus 18 Expertinnen und Experten, die sich mit Impfungen und ihren Auswirkungen beschäftigen.